Meine leichte Neigung zur Pingeligkeit ist gemildert worden, seit wir Kinder haben und den Perfektionismus bekämpfe ich aktiv, seit ich als Selbständiger arbeite. Trotz antrainierter Nachlässigkeit muss man manchmal schon putzen, wenn man den Schmutz noch nicht deutlich sieht - sonst wird der Dreck mit der Zeit hartnäckig. Das soll ein Sechstklässler verstehen? "Ich will ja nicht pingelig sein, aber das ist einfach zu wenig sauber. Da musst du nochmals drüber." So höre ich mich nicht nur einmal sagen. Wie sieht es in seinen Augen aus? Natürlich bin ich pingelig. So wurstle ich mich zwischen meinen Ansprüchen von Sauberkeit, seinen Ansprüchen an Schnelligkeit und dem allgemeinen Verständnis von Hygiene durch und hoffe, gleichzeitig ein einigermassen sauberes Badezimmer zu bekommen und und unseren Sohn nicht zu einem Pingel zu erziehen.
Ja, zwischen zwei Übeln lavieren ist Lebenskunst. Aber immerhin bekommt ein Übel so einen Sinn: es hält ein anderes in Schach. Gar nicht so übel.
Der moderne Datenschützer hätte sich damals auf den Miststock gestellt und ausgerufen: “Nein! Es darf doch nicht jeder den Mist des anderen einsehen können.” Er hätte die engen Klettgauer Dörfer aus Datenschutzgründen verboten.
Seit ich mein Französisch aufpäppeln muss, läuft im Badezimmer beim Zähneputzen und anderen Körperpflegen das welsche Radio. Was höre ich da? Fast lasse ich die Zahnbürste fallen! Klassische Musik und dazwischen ätzendes und schräges Geplauder zur Tagesaktualität. Unmöglich, denn laut Kulturdefinition verträgt sich das nicht - und erst noch auf dem ersten Kanal, wo doch klassische Musik ins Zwei gehört.
