Mittwoch, 8. September 2010

Pingelig

Putzteufel sind eine Plage. Dreckige Badezimmer auf der anderen Seite sind schlecht für Lebensgefühl und Image. Zwei Übel - und dazwischen ein Vater, der seinem Sechstklässler das Badezimmerputzen beibringen soll. Gäste und Eltern haben einen anderen Blick auf Brünneli und WC als unser Jüngster. Erstaunlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung einer Fläche sein kann: Sauber oder dreckig? Putzen oder nicht? Kein Wunder gibt es in der Philosophie eine ganze Abteilung "Erkenntnistheorie". Deren Erfinder - antike griechische Philosophen - müssen ein Badezimmer und einen Sohn gehabt haben!

Aussenbadezimmer - nicht unseres!Meine leichte Neigung zur Pingeligkeit ist gemildert worden, seit wir Kinder haben und den Perfektionismus bekämpfe ich aktiv, seit ich als Selbständiger arbeite. Trotz antrainierter Nachlässigkeit muss man manchmal schon putzen, wenn man den Schmutz noch nicht deutlich sieht - sonst wird der Dreck mit der Zeit hartnäckig. Das soll ein Sechstklässler verstehen? "Ich will ja nicht pingelig sein, aber das ist einfach zu wenig sauber. Da musst du nochmals drüber." So höre ich mich nicht nur einmal sagen. Wie sieht es in seinen Augen aus? Natürlich bin ich pingelig.

So wurstle ich mich zwischen meinen Ansprüchen von Sauberkeit, seinen Ansprüchen an Schnelligkeit und dem allgemeinen Verständnis von Hygiene durch und hoffe, gleichzeitig ein einigermassen sauberes Badezimmer zu bekommen und und unseren Sohn nicht zu einem Pingel zu erziehen.

Ja, zwischen zwei Übeln lavieren ist Lebenskunst. Aber immerhin bekommt ein Übel so einen Sinn: es hält ein anderes in Schach. Gar nicht so übel.

Montag, 9. August 2010

Der Datenschützer auf dem Miststock

Eng war es in den Klettgauer Dörfern und die Bauern mussten manchmal den Miststock gemeinsam nutzen. Die Kühe standen im gemeinsamen Stall. Sogar der Horror jeder Hausfrau war möglich: Zwei Familien teilten eine Küche!

Klettgauer Dörfer - OberhallauDer moderne Datenschützer hätte sich damals auf den Miststock gestellt und ausgerufen: “Nein! Es darf doch nicht jeder den Mist des anderen einsehen können.” Er hätte die engen Klettgauer Dörfer aus Datenschutzgründen verboten.

Sobald mehr Geld da war, distanzierten sich die Leute voneinander. Auch die Anzahl der Miststöcke nahm ab. Einige junge Klettgauer zogen in die Stadt. Inzwischen sind Europäer und Amerikaner so anonym, dass wir uns einsam fühlen und darum das Facebook erfinden. Facebook ist ein Programm auf dem Internet, mit dem jeder einfach und schnell Bilder, Ideen, kleine Berichte von sich selbst andern zeigen kann.

Jetzt können wir wieder zusammenrücken, die Küche (oder zumindest Rezepte) teilen und wer will, kann den Miststock vor fremden Augen pflegen. Zwar könnten wir bei Facebook besser steuern, wer was von mir mitbekommt - aber nur, wenn wir wissen, wo die versteckten Einstell-Knöpfe sind. Darum verdreht der Datenschützer die Augen. Miststöcke lassen sich schlecht verbieten, damals wie heute. Facebook macht die Stadt - ja die Welt - zum Dorf.

Sind wir immer noch Dörfler?

Kolumne in den Zeitschriften "Leben & Glauben" sowie "Sonntag" Nr. 25/10

Donnerstag, 29. April 2010

fröhlich ausgetreten werden

"Skandal: aus der Kirche austreten kostet 31 Euro." Oder: "Ist es ein Zeichen, wenn beim gewollten Austreten aus der Kirche man wieder weg geschickt wird, weil die EDV nicht funktioniert?" Twitter, der stete, öffentliche Strom von Kurzbotschaften auf dem Internet, schwatzt von Kirchenaustritt. "Wer als letztes aus der Kirche austritt, darf übrigens den Vatikan behalten. Rechne mir gute Chancen aus."

Zwar hat der Mitgliederverlust hauptsächlich demographische Gründe, aber es interessiert mich, wie man ausgetreten wird. In der Schweiz kostet austreten nichts. Meist geht es einfach, persönlich vorsprechen ist nicht nötig.
freundlich ausgetreten werden
Je weniger Austritte, desto besser. Aber darum wie in Deutschland den Austritt schwer machen? Nein! Wer den Tritt beim Aus noch lange spürt, kommt nicht wieder. Ein freundliches "Adieu" und "... hat mich gefreut, dass Sie bis jetzt dabei waren" gibt die richtige Stimmung für später. Der momentane Ärger geht vorbei, Skandale werden bereinigt, nach Jahren regt sich ungeahnt die Seele. Wieder eintreten? Geht einfacher, wenn man früher am Ausgang freundlich und fröhlich verabschiedet wurde.

Die Schaffhauser Evangelischen haben seit längerem mit dem "Mister Eintritt" einen freundlichen Empfang geschaffen. Ist der Austritt ebenso nett? Wer austreten will, wird oft persönlich kontaktiert. Wer ist dafür ausgebildet worden? Freundlich, respektvoll, kümmernd? Ein farbiger Abschiedsbrief statt einer trockenen Bestätigung setzt die Stimmung. Ausgang und Eingang - beides sei in die Hände freundlicher Menschen gelegt.

Kolumne in den Zeitschriften "Leben & Glauben" sowie "Sonntag" Nr. 17/10

Freitag, 26. Februar 2010

klassisch ernst

Unmöglich. Klassische Musik ist unkombinierbar mit oberflächlichem Geplauder. Klassik ist ernst. Klassik ist schriftdeutsch. Klassik hat Niveau. Sogar wenn die DRS-2-Sendung "Diskothek im Zwei" heisst, wird streng Hochsprache gesprochen: auch in der Disco schriftdeutsch, denn mit Klassik ist nicht zu spassen.

Kantatengottesdienst Münster SHSeit ich mein Französisch aufpäppeln muss, läuft im Badezimmer beim Zähneputzen und anderen Körperpflegen das welsche Radio. Was höre ich da? Fast lasse ich die Zahnbürste fallen! Klassische Musik und dazwischen ätzendes und schräges Geplauder zur Tagesaktualität. Unmöglich, denn laut Kulturdefinition verträgt sich das nicht - und erst noch auf dem ersten Kanal, wo doch klassische Musik ins Zwei gehört.

Versuchen die Welschen, billiges Geplauder durch klasse Musik aufzuwerten? Oder umgekehrt: Wollen sie der breiten Masse gute Musik mit einer Senkung des Rede-Niveaus schmackhaft machen?
Nun, man kann nicht von allen verlangen, dass sie Kultur verstehen und würdigen. Nicht alle haben so viel Niveau wie wir Nichtwelschen. Umso mehr müssen wir unser Kulturverständnis hoch halten. Besonders auch in der Kirche. Bei uns ist die Musik hoch stehend, die Rede desgleichen. Unklassische Musik oder Geplauder verabscheuen wir. Kirche ist ernst. Kirche ist schriftdeutsch. Kirche hat Niveau.

Zum Glück hören Deutschschweizer kaum welsches Radio, unser Kulturverständnis bleibt rein und auch in der Kirche können wir den hohen Standard halten. So bleiben wir unter uns.

Sendung "Aqua Concert", Radio Suisse Romande 1

Kolumne in den Zeitschriften "Leben & Glauben" sowie "Sonntag" Nr. 08/10

Dienstag, 3. November 2009

Sauerkraut und Rüben

... haben mich vertrieben, hätt´ der Meister Fleisch gekocht, wäre ich geblieben. In der neumödigen Zeit sagt der Webseitenbesucher: Leitsätz' und Grundlagen haben mich vertrieben, hätte der Webmeister Aktualität gekocht, wär' ich auf der Webseite geblieben.

Die ungenannt sein wollende Kirchgemeinde beginnt auf der Homepage mit dem Portrait. Nein, keine Gesichter: Leitsätze. Grundsätzliche Texte über Mitarbeiter - nein, keine Namen -, dann Organisation und Landeskirche. Kommt Spannung auf? Hm. Folgt die Beschreibung der Kirchen. Seit 1350. Sauerkraut und Rüben. Vertrieben.

Kirchgemeinden, besonders Pfarrperson, neigen dazu, Webseiten vom Generellen zum Konkreten hin aufzubauen. Das Fleisch versteckt sich unter dem Sauerkraut. Legen Sie doch Speck und Wurst oben auf. Der Hungrige wird das Sauerkraut schon auch essen.

Ja, Leitbilder, Glaubenssätze und Organigramme sind wichtig. Sie sollen aber, - zumindest auf der Homepage - nach dem pulsierenden Leben kommen, nach dem Bericht vom Jungschi-OL oder dem gelungenen Seniorennachmittag. Grundlagen sind unten.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Google Street View

Ich bin ein Fan von Google Street View. Vor kurzem musste ich in der Agglomeration Biel mit den ÖV an einen mir unbekannten Ort für einen wichtigen Termin und hatte wenig Zeit, dort den Weg zu suchen. Dank Google Street View konnte ich den Weg vorher virtuell abschreiten, die Geh-Zeit einschätzen und alles klappte wunderbar.
Übrigens: Die Googler filmen per Velo. Bergauf wohl ein ziemlicher Chrampf:

Samstag, 17. Oktober 2009

Mit Blog über Kommunikation kommunizieren

Kirche kommuniziert, sie macht fast nichts anderes. Wenn sie nicht kommunziert ist sie nicht (mehr). Gedanken über die Kirche und wie sie kommuniziert, Erfahrungen besonders im Bereich Internetkommunikation in der Kirche und vielleicht auch mal ein Gedanke an den Rändern dieses Themenfeldes werden Sie hier lesen.